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Fotografie ist eine Möglichkeit sich auszudrücken und man lernt dabei gleichzeitig seine Umgebung besser kennen. In Berlin zeigt ein Projekt jungen Menschen unterschiedlicher Herkunft, wie sie durch Fotografie den Zugang zu sich und ihrer (neuen) Heimat finden.

Ganz vorsichtig, wie einen wertvollen Schatz, hält Ali Ahmad-Haidari die Kamera in seinen Händen, drückt erst auf einen Knopf, dreht an einem kleinen Rädchen und macht dann ein Probebild von seiner Nebensitzerin Despoina Sarikou. Gemeinsam schauen sie das Bild auf dem Display an, sie lächeln zufrieden.

In einem kleinen, lichtdurchfluteten Raum in Berlin-Mitte sitzen 14 Jugendliche über Kameras gebeugt, sie probieren eine neue Einstellung aus, die sie eben gelernt haben. In den Räumen der Gesellschaft für Humanistische Fotografie findet ein Workshop im Rahmen des vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geförderten Projektes „Heimat Berlin – Eine kulturelle Integrationsmaßnahme mit geflüchteten Jugendlichen“ statt. Das Projekt wurde 2017 ins Leben gerufen. Dieses Jahr begannen die Workshops im April, heute ist das dritte Treffen. Die Fotografinnen Susann Tischendorf und Schmoo Theune bringen den Teilnehmenden alles rund ums Fotografieren bei: die Technik und den Umgang mit der Kamera, das Bearbeiten von Bildern, den richtigen Blick für spannende Motive.

Die Macht der Fotografie

Die Teilnehmenden sind Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund und Jugendliche, die in Berlin geboren und aufgewachsen sind. Sie stammen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Griechenland, Italien, Frankreich und Deutschland. Im Workshop bilden sie Tandems, entdecken gemeinsam ihre Heimat, knüpfen Kontakte und lernen voneinander und miteinander. Neben den Workshops gehen sie gemeinsam in Ausstellungen, besuchen Vereine und Institutionen, die mit den Themen Ausbildung, Sprache und Integration zu tun haben. Die Besuche sollen die Hemmschwelle senken und vor allem den Geflüchteten eine Art Netzwerk sein, an das sie sich in ihrem Alltag wenden können.

Die Fotografie kann wie eine zweite Stimme sein„, sagt Workshop-Leiterin Susann Tischendorf, „denn manchmal fällt es nicht leicht über Dinge zu sprechen. Eigene Fotos können eine Möglichkeit sein, sich visuell auszudrücken.“ Manche Teilnehmer haben das selbst schon erlebt. Während Ali Ahmad-Haidari am Anfang sehr schüchtern war, redet er heute gerne über sein neues Hobby und das, was seine Bilder für ihn bedeuten. Der 27-jährige Afghane fotografiert am liebsten die Natur. „In meiner Heimat ist die Natur nicht so gesund und grün„, sagt Ali Ahmad-Haidari, „ein Baum mit Blättern sieht so friedlich und schön aus.

Ali Ahmad-Haidari ist seit vier Jahren in Berlin und sagt, er habe seine neue Heimat erst durchs Fotografieren richtig kennengelernt. „Ich war an Orten, die ich sonst nicht besucht hätte.“ Auch die Menschen, die er beim Projekt kennengelernt hat, sind ihm ans Herz gewachsen. „Es ist schön, gemeinsam etwas zu unternehmen„, sagt Ali Ahmad-Haidari .

Was Anonymität bedeuten kann

Sich nicht mehr alleine in der Großstadt zu fühlen, das war der Wunsch von einigen die heute hier sind. Am Anfang des Projekts haben sich die Teilnehmenden auf ein Thema für ihre Fotos geeinigt. „An was denkt ihr, wenn ihr an Berlin denkt?“ war die Ausgangsfrage. Die Antwort: Anonymität. „Das spannende an diesem Thema ist, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen den Begriff ganz unterschiedlich interpretieren„, sagt Susann Tischendorf.

Despoina Sarikou ist 29 Jahre alt und kam vor zwei Jahren aus Griechenland nach Berlin. Sie studierte auf einer kleinen griechischen Insel und findet: Anonymität hat auch etwas Gutes. „Zu Hause kannten mich alle und jeder redet immer über jeden in einem kleinen Dorf„, sagt sie. „Anonymität kann auch schützen, ich habe hier ein Privatleben und werde nicht immer für alles verurteilt, was ich tue.

Fotografie gibt Menschen eine zweite Stimme – und manchmal auch neues SelbstbewusstseinQuelle: BAMF | Sara Tomšić

Die 25-jährige Muntaha Khodeda stammt aus dem Irak und ihr machte die Anonymität Berlins am Anfang Angst. Es war schwierig für sie anzukommen. Doch heute, vier Jahre später, fühlt sie sich sehr wohl in ihrer neuen Heimat, dazu hat auch der Workshop beigetragen. „Ich habe hier so viele nette Menschen kennengelernt„, sagt sie. Das Fotografieren habe sie verändert: „Ich habe Selbstvertrauen gelernt und spreche gerne über meine Fotos und darüber, warum ich gerade das oder das fotografiert habe„, sagt Muntaha Khodeda. So könne sie ihre Sicht auf die Welt zeigen.

Gegen Ende des Workshops sitzen die Jugendlichen im Kreis und schauen gemeinsam ihre Fotos an. Eine Auswahl von denen, die bisher während der Spaziergänge durch Berlin entstanden sind. Da sitzt ein Mann in einem Café, sein Gesicht verschwindet hinter einer großen weißen Tasse, aus der er gerade trinkt. Auf einem Foto sind Menschen, die im hektischen Alltag durch eine halbdunkle Unterführung laufen. Auf einem anderen sieht man ein paar alte Wanderschuhe, die auf einem Mülleimer zurückgelassen wurden. Und auf dem letzten Foto ist ein Schwan im Wasser, der seinen Kopf im weißen Gefieder versteckt.

All diese Bilder haben eine ganz eigene Atmosphäre, manche drücken Einsamkeit oder Hektik aus, andere Frieden und Geborgenheit. All das ist Berlin, nur eben durch verschiedene Augen.

Text: Sara Tomšić

Link zur Bildergalerie und Original-Beitrag des BAMF